Katalonien - Oktober 2014

Was wir in Katalonien, Barcelona und Montserrat gelernt haben, oder: „Great minds always travel together!“

1. Lektion: Diese Reise ist nur eine Empfehlung!!!
Warum? Na ja, die Fußgängerampeln in Barcelona, wenn die auf Rot stehen, geht trotzdem jeder rüber, denn das Rot ist nur eine Empfehlung! Man entscheidet selbst, ob man sich von wild gewordenen Motorradfahrern, Bussen oder Lastwagen ekrasieren läßt oder nicht. Und weil diese Reise nur eine Empfehlung ist, fragt man sich, warum man die Reise eigentlich macht? Na ja, damit man sich darauf freut, wieder heimzukommen!

2. Lektion: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr einfach zu bedienen!
Warum? Es gibt eine U-Bahn und Busse. Vom Reiseführer bekommt man eine U-Bahn-Zehnerkarte mit dem Hinweis, daß der grüne Pfeil auf der Karte nach vorne in den Schlitz gesteckt werden muß. Dann muß man warten, bis die Karte wieder herauskommt. Dann kann man gehen. Bei modernen U-Bahn-Strecken sind die Schlitze rechts, aber Achtung: bei älteren Strecken sind die Schlitze links, also erstmal gucken, wie alt die U-Bahn-Strecke ist, bevor man Sachen in die Schlitze schiebt. Und wichtig: die Karte wieder herausnehmen, sonst freut sich der Nachfolger!

Man geht also quasi durch Barcelona nach dem Motto: „Métro surprise“! Die Endpunkte der Linien sind auch leicht zu merken, denn wenn man farbenblind ist (die Linien haben verschiedene Farben), kann man immer noch nach den Endpunkten schauen, z.B.“ La Pau oder Trinidad“, ganz einfach: „La Pau oder Karibik“! „Karibik“ kommt dann in 1.58 Minuten, wie es präzise und zuverlässig auf den Anzeigetafeln in der U-Bahn angeschrieben steht.

3. Lektion: Es gibt viele Kirchen!
Die „Sagrada Familia“ ist keine geweihte Kirche, sondern nur ein Tempel zur Verehrung der Heiligen Familie. Außen wird sie immerzu weitergebaut, innen schaut sie aus wie ein futuristisches Raumschiff.
Auf die Frage, warum er die Taubenskulpturen außen so weit oben angebracht habe, da sähe man sie ja gar nicht, antwortete Gaudí: „Aber die Engel können sie sehen!“

Es gibt sehr viele Kirchen in Barcelona,“ Santa Maria del Mar“, kleinere Stadtkirchen und auch eine Kathedrale. „Kathedrale“ wird eine Kirche aber nicht wegen ihrer Größe genannt, sondern nur dann, wenn diese auch Bischofssitz ist.


Die „Sagrada Familia“ – Innenansicht


4. Lektion: Barcelona ist der Hotspot für Architektur-Freaks!
Barcelona hatte sehr kluge Stadtbaumeister. Die Stadterweiterung rund um den mittelalterlichen Kern wurde nämlich gezielt geplant. Es entstanden immer neue Carrés wie auf dem Reißbrett gezeichnet, und die Häuser stoßen nicht spitzwinklig an den Straßenkreuzungen aufeinander, sondern sind noch einmal abgeschrägt, so daß eine Fensterfront zur Kreuzung entsteht, die mehr Licht in die Gebäude bringt und automatisch eine Art „Platz-Atmosphäre“ schafft, auch wenn gar kein Platz, sondern nur eine Kreuzung da ist.

abgeschrägte Häuserfront zur Kreuzung hin 

Barcelona hat eine unglaubliche Zahl an reich verzierten Jugendstil- Häusern, bei denen der Phantasie keine Grenzen gesetzt waren. „Modernisme catalan“ heißt diese spezielle Entwicklung des überreichen Jugendstils, und sein Reichtum gründet sich auf die Geschäftserfolge der Katalanen, die einst nach Übersee in die Kolonien gegangen sind, um Geld zu verdienen, nach Kuba mit Rum und Zuckerrohr, nach Südamerika mit Gold und Silber und Edelhölzern. Diese Auswanderer („Indios“ oder „Americanos“ genannt) kamen im 19. Jahrhundert zurück und bauten sich ihre ganz eigenen Stadtpaläste.

Mosaiken, Fronten in Sgraffito-Technik, bunte Glaslüster, Marmor, Bleiglasfenster und ziselierte Metallarbeiten charakterisieren diese reiche Epoche. Architekten wie Domènech und Gaudí wurden zu Meistern in der Verwendung dieses ganz speziellen Stils.


Palaú de la Musica – Musterbeispiel des „Modernisme“

5. Lektion: Politik sagt nicht immer die Wahrheit!
Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen sind gar nicht so durchgängig willkommen in der Gesellschaft, wie es die Presse im Ausland bisweilen schildert. Viele Katalanen fühlen sich auch als Spanier, obwohl sie die zentralistische Hauptstadt Madrid als arrogant empfinden. Auch hat Katalonien in den letzten Jahren viele Zuzügler aus Andalusien und anderen spanischen Gegenden bekommen, die eben nicht katalanisch denken. Ein eigener Staat „Katalonien“ ist wohl eine Utopie von Fanatikern.

Außerdem sind in Spanien bereits vier offizielle Sprachen zugelassen: Katalanisch, Baskisch, Kastilisch und Galizisch...was ja einen gewissen Willen zur Dezentralisierung der Staatsregierung zeigt. 

So viele Tage, Stunden, Minuten und Sekunden noch bis zum Volksentscheid... 

Die Flagge Kataloniens: Wilfried der Behaarte soll die 4 Streifen mit letzter Kraft mit seinem eigenen Blut einst auf seinen Schild gemalt haben, bevor er in der Schlacht starb.

6. Lektion: Wie Katalanen beim Essen Explosionen löschen...
Katalonien ist etwas für Genießer. Eine schier unendliche Vielfalt an „Pinxos“, wie die Tapas hier genannt werden, stehen in jeder Bar, an jedem Marktstand auf der Theke. Paëlla, Fideuà (Paëlla mit Fadennudeln, statt mit Reis), Bacalao, Kutteln, Jamòn de Serrano, Fuet-Salami, Crema catalana...ach, man kann gar nicht alles aufzählen!

Und dazu die Weine aus dem Penedès, der Cava Rosado von „Castillo Perelada“, wunderbar trocken und mineralisch zu Fischgerichten, herrlich!

...in der Markthalle bei den Ramblas mit kleinen Tütchen Serrano-Schinken...

Das „Estrella-Bier“ von Damm oder ein café sol in der Bar nebenan verkürzen den Tag und machen das Leben lebenswert. Wer mag, schüttet noch einen „Mascarò“, einen katalanischen Brandy in seinen Kaffee, dann heißt dieser „caratillo“ und die Welt schaut gleich viel schöner aus.


Lieferung von „Damm“


in der Bar nebenan

Die katalanischen Speisen haben auch sehr exotische Namen, z.B. „Huevos estrellados“ = „geplatzte Eier“: zwei zerzauste Spiegeleier, die auf fritierten, rohen Kartoffeln, süßem Zwiebelconfit und mit gebratenem Serrano-Schinken belegt, serviert werden.

Dieser Name „Huevos estrellados“ erschien einer unserer Mitreisenden dermaßen aufregend, daß sie es sich bei der Bestellaufnahme noch einmal anders überlegte und plötzlich in die Runde rief: „Halt, stornieren bitte! Ich will auch lieber diese „explosive Vulva“! Ja, wir wollen auch alle lieber diese explosiven Vvvvv...uevos... wie: feine Blutwurst auf Weißbrot mit Käse überbacken, Leberpâté auf Apfelscheibe mit „Membrillo“ (Quittenpaste), Patatas bravas („verrückte Kartoffeln = fritiert) mit Aȉoli und scharfer Pepperoni-Paste, Thunfisch mit Ei in roter Paprikahülle, Stockfisch auf Weißbrot mit grüner Knoblauch-Paprikasauce, gebackenen Bacalao-Bällchen oder überbackene Miesmuscheln, die hier nicht gelb sind, wie in Italien, sondern weiß. Die Exlosionen löschen tun wir dann mit „una caňa“, einem kleinen Bier vom Faß oder einem „Jerez“ seco, einem trockenen Sherry („dulce“ = süß, gibt‘s auch, der löscht aber nicht so gut!). Zum Nachtisch dann „crema catalana“, egal ob unabhängig oder spanisch! 


Tapas-Bar mit Pinxos 

Und so trinkt man Rotwein auf dem Land, aus einem „Porrò“:

Bei so viel Familienleben...wissen Sie, wie man in Spanien den Hund ausführt? Papa fährt mit Mama und den Kindern und dem Hund in die Berge. Oben, am Gipfel steigt die ganze Familie mit Hund aus, ohne Papa. Papa fährt runter in die nächste Bar, bestellt „una caňa“ und wartet dort, bis alle den Berg runter gelaufen sind und den Hund ausgeführt haben. Wozu sich all zu sehr anstrengen? Jetzt bitte, por favor, „dos Estrellas...“ – „Big oder klein?“

7. Lektion: Da muß man ja katholisch werden: Montserrat
Da waren das Kloster und unser Hotel. Mein Zimmer mit Blick auf die Berge, das Tal und den Klosterhof, die Arkaden, den Glockenturm. Die Besichtigung der Anlage war zu Ende und es sollte vor dem Abendessen eine Abendvesper mit einem Knabenchor geben. Ich bin, ehrlich gesagt, kein großer Fan von Knabenchören, aber dann war ich doch rechtzeitig mit dem Umziehen fertig und traf unter den Platanen jemanden, der hin ging. Da dachte ich, gehe ich eben auch. Und plötzlich der Zauber. Ich ging über den riesigen leeren Klosterhof, zum Eingang der Kirche, aus den Arkaden vom Tal wehte ein leichter Abendwind, die Glocken luden mächtig klingend zur Andacht ein. Da, dort von der Seite kam einer, der auch zur Kirche strebte, von einer anderen Seite ebenfalls...es strömten plötzlich Leute zur Kirche, als wäre es reine Magie. Meine Füße waren die Füße der Pilger all der vergangenen Jahrhunderte, mein Geist war rein, meine Seele frei. Meine Tränen tropften auf den Marmor der Kirchenschwelle. Zur Abendmette gab es den Gottesdienst als Gesang. Als die Mönche aufstanden, standen wir auch auf, als sie sich setzten, setzten wir uns. Es war nicht bombastisch, nicht niederschmetternd vor großen Chorälen, nein, es war fein, leise, wenig, still. Dann, ein Rauschen: kleine Knaben schwebten herein mit ihren weißen Talarkleidchen über dunklem Unterkleid, versammelten sich vor dem Altar und dankten mit ihren hellen Stimmen Gott. Es war, als kämen die Engel herab, um uns die Reinheit der Welt zu verkünden. Engel, so fein und klein und zart, daß wir wieder zu weinen anfingen. Das Ende der Abendvesper. Die Engel erhoben sich gen Himmel, wir schritten langsam und benommen hinaus, die Füße vorsichtig setzend, um nur ja keinen falschen Laut zu provozieren, es gab nicht einmal einen Klingelbeutel oder einen Opferstück für unsere Dankbarkeit.


Wir waren von Gott erhöht!



Montserrat am Morgen

 


Wandern in den Bergen von Montserrat am Nachmittag ...

8. Lektion: El Greco und die Watte der Wolken
Und vielleicht saß El Greco im 16. Jahrhundert eines Morgens nach einer langen Pilgerfahrt am Fenster seiner Klosterzelle in Toledo und sah hinaus auf die morgendlichen Wolken im Tal und hatte plötzlich diese Eingebung: „Ja, genau so muß ich malen. Das sind meine Farben, die vielen vielen Nuancen von Grau und Blau, gepackt in die Watte der Wolken!“

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