Biennale Venedig 2015

Hier trifft sich die Kunstwelt und wird gesehen

Jeder Künstler würde alles dafür tun, dabei zu sein! 

Cafeteria in den Giardini 

Hier treffen sich Kunst-Besucher aus aller Welt. Jeder würde alles dafür tun, um ab und zu beim Betrachten der Werke sitzen zu können.

Venedig geht so verschlungene Wege wie die von Okwui Enwezor kuratierte Biennale. Man geht an einem Kanal entlang, plötzlich gelangt man in einen „Ramo“ („Zweig“), in eine Sackgasse. Dann gibt es keine Stadtviertel, sondern „Stadtsechstel“ („sestiere“), deren Namen man sich merken sollte. Hier tut sich ein „Campo“, ein Platz auf und es gibt eine Kirche. An einem „Campiello“ hingegen gibt es keine Kirche. Eine Gasse („calle“) führt in einen Innenhof („corte“), eine „salizzada“ (gepflasterte Straße) endet an einem Kanal, über den es keine Brücke gibt. Vielleicht hat man Glück und findet einen „Sotoportego“, einen überdachten Durchgang zu einem anderen „Campo“, oder man orientiert sich an den Zahlen, die seit Napoleon das Gassengewirr mit den vielen vielen doppelten Namen regeln sollte (Dorsoduro 2826 –Peter Doig). Aber wenn man den Namen des Palazzos nicht weiß, wozu die Zahl gehört, dann sucht man auch oft lange und vergeblich! Es sei denn, man weiß dann wieder, daß um die Ecke des Campiello, auf dem man steht und die Zahlen an den Häusern versucht, zu ordnen, der Blumenladen von Giovannis alter Tante ist, die wiederum den Videoladen kennt, der direkt neben Dorsoduro 2826, dem Palazzetto (!) Tito liegt (im Videoladen arbeitet nämlich ihr Enkel!).

 

 

Oder man trinkt vorher aus Verzweiflung „un ombra“ (einen „Schatten, d.h. ein Glas Wein) in einem „bacaro“ und ruft dann den Gondoliere.

Wir beginnen also in den „Giardini“ und versuchen mit Hilfe von Frau Dr.Gregorin herauszukriegen, was es mit dem Motto der „Biennale“ : „All the World’s Futures“ auf sich hat.

Robert Smithson, Vertreter der „Land Art“ hat dort einen riesigen Baum mit Spiegeln in den ersten großen Raum gelegt und will damit sagen, daß die Natur keine zu vernachässigende Größe ist und der Mensch sich in ihr spiegelt. „Land Art“ will Spuren hinterlassen, das tut Robert hier eindrucksvoll.

Daniel Boyd experimentiert mit archaischer Malweise, nämlich mit Aborigines- Punkten und Runo Lagomarsino hat beschichtetes blaues Papier am Strand den Elementen ausgeliefert, zerknittern und verblassen lassen und will damit zeigen, wie sehr wir einer „murailla“ , einer Schutzmauer gegen die Elemente bedürfen.

Spektakulär ist Adrian Piper! Sie ist Afroamerikanerin, die erste schwarze Frau, die in Harvard Dozentin wurde und kam über Umwege zur Kunst. Aufgrund ihrer relativ hellen Haut wurde sie oft als Farbige gar nicht erkannt und mußte die abfälligen Reden über Schwarze sozusagen „incognito“ anhören. Da begann sie Zettel zu verteilen, auf denen stand: „I am black!“

„Everything will be taken away!” ist ihre Antwort auf die vermeintliche Sicherheit im Leben. Einmal werden Personen auf ihren Fotos zunehmend verwischt, ein anderes Mal bekommt jemand die Strafarbeit, immer wieder an die Tafel zu schreiben: „Everything will be taken away.“

 

 

Für ihre Installation mit drei Desks, an denen sich man für ein Lebensmotto schriftlich verpflichten kann, bekam sie den „Goldenen Löwen“! 

Eine andere Frage stellt sich Gursky (und vor ihm schon ganz früh Sergeij Eisenstein): „Wie kann man das Kapital darstellen?“

 

Gursky zeigt auf Monumentalfotos Börsenplätze in aller Welt und als Kontrast dazu eine fabrikartige Korbflechterei in Asien. Das ehemals traditionelle Handwerk der einheimischen Bevölkerung wird auf dem Altar des Kapitalismus geopfert, um mit Billigarbeit Geld zu vermehren. Der Handwerker wird zum Gehilfen degradiert.

 

Andreas Gursky „Stock Exchange“

 

Fabio Mauris „The Western Wall“ erinnert an die Berge von zurückgelassenen Koffern in den KZs des Dritten Reichs. Die „Western Wall“ soll als letztes verbliebenes Relikt des Tempels von Jerusalem verstanden werden; die Wand steht aus sich selbst heraus gegen Rassismus und falsch verstandene Ideale der Weltreligionen. Die Wand braucht keine Stütze, sie stützt sich selbst in ihrem Engagement gegen Blindheit und Vorurteile. 

Im japanischen Pavillon steht eine der spektakulärsten Installationen der Biennale: 180.000 gebrauchte Schlüsse an 400 km Faden hat Chiharu Shiota zu einer unserem Empfinden nach „Geburtshöhle“ geformt. Ihre Aussage soll sein (auch in den Videos mit den Kindern, die erzählen, wie sie zur Welt gekommen sind): „Das Schicksal, der Schlüssel, liegt in deiner Hand!“ 

Einer der interessantesten Pavillons ist auch der serbische! 

Die zu Boden getretenen Fahnen verschwundener Länder färben auf den Boden ab und dokumentieren die Nicht-mehr-Existenz solcher Nationen wie Jugoslawien, DDR oder Großkolumbien. Iwan Grubanow hat die Fahnen gesammelt, mit Lösungsmitteln bearbeitet und über den Boden gerieben, bis sie den Boden bunt verwischten. Eine Mahnung an uns, daß einmal Menschen für solche Staaten gestorben sind eine schlimmere Sinnlosigkeit gibt es kaum. 

Iwan Grubanow: “United Dead Nations” 

 

Der lustigste, herzerfrischendste und bezauberndste Pavillon ist der canadische. Obwohl eingezwängt zwischen den Großen, behauptet er sich durch seine Nonchalance, seine Heiterkeit und seine Liebe zum Detail...fast ein wenig mit der Aussage: „Homemade in the middle of nature!“

Im Wind klappernde Bambusvorhänge, weiße Holzlatten an den Wänden, ein kleiner Supermarkt als Eingang, eine schon lange verstaubte, über viele Jahre mit Sammelgut vollgestopfte Werkstatt eines Malers: schöner kann ein Künstlerleben nicht sein! 

Außerdem gibt es noch eine in liebevoller Kleinarbeit gebaute Blechrutschbahn, auf der die Besucher eine Münze hinabrutschen lassen können und der Münze dabei zuschauen, wo sie sich gerade befindet. Einfach zauberhaft!
Sogar der Katalog-Verkäufer war
„charming“. So können nur Kanadier sein! Und wir alle wollen doch auch ein bißchen spielen!

Sarah Lucas, einst Mitglied der „Young British Artists“, haut mächtig auf die Pauke im englischen Pavillon. Provizierend ist es nicht mehr, aber sehenswert, allein wegen des „shocking yellow“ schon, der Farbe, in der der ganze Pavillon ausgemalt ist. 

Derweil bewegen sich draußen Bäume kraft ihrer eigenen Körpersäfte. 

Der elektronisch gemessene Metabolismus der schottischen Kiefern wird in einen Antrieb umgewandelt und so schweben sie auf dem Veranstaltungsplatz vor unseren Augen hin und her (l’arbre rêve une révolution...).Dann gibt es natürlich auch noch ein paar „Collateralschäden“...äh, nein: „Collateralausstellungen“ all over Venice, z.B.den großartigen Jaume Pensa aus Barcelona in der Kirche von San Giorgio Maggiore mit seinem Kopf eines Betenden und der segnenden Hand. Wenn ich der Prior der Kirche wäre, die Hand würde ich für alle Zeiten ankaufen! 

Und im Museo Correr: Jenny Holzer: „Warpaintings“ - eine Anklage an die Folterpraktiken der USA und deren widerlicher geheimdienstinternen Dokumentation. 

Zweiter Teil der Biennale: Arsenale, die ehemalige, geheime Waffenfabrik der Venetier.
Bevor hier Kanonen gegossen wurden, geschah das im „geto“, der alten Gießerei im „sestier“ Cannaregio, wohin später, nach der Auslagerung der Gießwerkstätten, die Juden verbannt wurden. Das „geto“ bekam ein „H“ nach dem „G“, damit Sephardim und Ashkenaszim das Wort gleichermaßen richtig aussprechen konnten. So entstand das erste „Ghetto“ der Welt und wurde zum Namensgeber für alle nachfolgenden dieser Erde. 

Martialisch paßt zu dieser „location“ die Installation von Abdel Abdessemed, einem Flüchtling aus dem Algerienkrieg, der so traumatisiert war, daß er heute noch stottert: „Les nymphéas“makabrer Rückverweis an das poetische Gemälde von Claude Monet. 

Bruce Nauman: „Schmerz, Tod, Krieg“

Pino Pascali, Vertreter der „Arte Povera“ formuliert seine Anti-Kriegs-Intention 

mit der Kanone aus gebrauchten Materialien, die nicht schießen kann, aber umso bedrohlicher auf den Betrachter wirkt in ihrer baulichen Perfektion („Cannone Semovente“ 1965). 

Katharine Grosse schüttet Farbe über die Biennale aus. Sie will zeigen, daß das archaische Element „Farbe“ das Weibliche, Subversive ist. Nicht umsonst hat Chomeini den schwarzen Tschador eingeführt, um der kreativen Kraft der Frau keinen Raum zu geben. 

Und Hiwa K, ein Künstler aus dem Irak, hat sich besonders intensiv mit Kriegsschrott beschäftigt. Er ließ solchen Kriegsschrott aus dem Krieg Irak-Iran sammeln, mußte feststellen, daß die Waffenlieferungen für diesen Krieg aus 48 Ländern kamen und oft für beide Seiten geliefert wurde. Aus diesem Kriegsschrott ließ er eine Glocke gießen. Die Glocke als christliches Symbol des Friedens erschüttert die muslimische Welt. 

Baselitz revisited, wie Bob Dylan sagen würde...

„Big Brother“ darf sich in einer eigenen „Kapelle“ zeigen, sein alternder Körper auf den Kopf gestellt, in mannigfacher Ausführung, verkauft sich vielleicht auch noch ganz gut. 
 

Selfie mit Baselitz 

Weitere Collateralschäden...Collateralausstellungen in Venedig:

Im Kloster San Salvador hetzt China Bluthunde auf die Pietà von Leonardo da Vinci.
 

Li Ruo Wang 

Im Pavillon von Aserbeidschan an der Ca‘ Garzoni wird das Thema „Vita Vitale“ aufgearbeitet mit experimentellen Versuchen um das Material „Plastik“. Es gibt eine herausragende Installation von schwebenden Personen aus weißen Plastiktüten, aber der Pavillon wirkt auch irgendwie gewollt, als hätte ein Oligarch sich ein Denkmal setzen müssen mit berühmten Namen wie Tony Cragg

Tony Cragg „Mixed Emotions“ 2011 

Die Armada der Plastikgespenster 

 

Und dann gibt es noch den großartigen "Jean Scully“, dessen Leidenschaft nicht, wie man vermuten würde, die farbigen Blockstreifen sind. Nein, was ihn wirklich interessiert, sind die Fugen zwischen den Streifen und die Machtverhältnisse der Farben untereinander. Er erinnert da an Giorgio Morandi, dessen graue, blaue, weiße und pastellfarbenen Flaschen auch nie zufällig im Raum stehen, sondern ein ähnliches Beziehungsverhältnis untereinander aufbauen, wie bei Scully die Blockstreifen. Es gibt kein narratives Element, es herrscht der „Strich“. Und oft malt Scully auf Aluminium oder Kupfer, weil da die Farben besser leuchten, als auf der absorbierenden Leinwand. Scully will keine Abstraktion, keine Bedeutung, keine monochrome Fläche, „just Land-Lines!“. 

Scully hat sich zu diesen neuen Werken von der Bewegung des Wassers in den Kanälen von Venedig inspirieren lassen, wie es gegen Backstein und Marmor schlägt und wie es sich im Licht der Sonne jedesmal anders bricht. 

Im Palazzo Fortuny des Lichtkünstlers Mariano Fortuny (1871-1949), der über 20 Patente für Lichterfindungen besaß (u.a. für die indirekte Lichtquelle bei der Studio-Fotografie) geht es um „den Goldenen Schnitt“.
Eine Vielzahl von Künstlern hat sich mit dieser Thematik in der Architektur von Kathedralen, im Bildaufbau von Fotografien, in der Gestaltung von Kunstwerken beschäftigt.
Was empfinden wir als „schön“ ? Die Regelmäßigkeit des „Goldenen Schnitts“ (Kurator: Axel Vervoort).
Wunderbar sichtbar wird das in den Kelims von Alighiero Bonetti, deren 100 große Quader wiederum 100 kleine Quader beinhalten. 

Kelims mit den afghanischen Teppichwebern in Teamwork hergestellt. 

Robert Indiana: „Numbers“

Palazzo Tito, Dorsoduro 2816 

Peter Doig: „Lion on a road“ 2015 

Palazzo Grassi, François-Pinault-Foundation: Martial Raysse 

Martial Raysse: “Nu jaune et calme” 1962 

François Pinault hat ja den Palazzo Grassi gekauft und sensationell renoviert und auch die Punta della Dogana renoviert, die aber von ihm nur gemietet wurde. Sehenswert ist in der Dogana sicher neben der Kunst vor allem auch die beeindruckende schwere Holzdecke, die unglaublich schwierig zu restaurieren sein mußte und die ein Zeugnis davon gibt, in welchem Umfang Holz in Venedig verarbeitet worden ist. Bis in die Dolomiten und nach Kroatien gingen die Geschäftsbeziehungen der venetischen Holzindustrie, und an den „Zattere“ wurden die Holzschiffe in Venedig angelandet. Allerdings waren die damaligen Unternehmer schon so klug, in den Wäldern, aus denen das Holz kam, sofort nachhaltig wieder aufforsten zu lassen. Man wußte, man würde noch viel Holz brauchen in dieser Stadt!

Interessant ist auch, daß François Pinault als Einziger von seinen ausgestellten Kunstwerken Postkarten im Museumsshop anbietet. Auf der ganzen Biennale gibt es nicht eine einzige aktuelle Postkarte der ausgestellten Werke, nicht mal von denen, die den „Goldenen Löwen“ bekommen haben. Trotz aller Kapitalismuskritik, Mr. Enwezor, Unternehmer ticken einfach anders! 

Punta della Dogana, François-Pinault-Foundation, Kurator: Danh Vo 

das berühmte “Sprungbrett” 

Martial Raysse, POP ART at it’s best 

Hier hat eine Künstlerinitiative bewiesen, daß man sich, trotz der Bedeutung für einen Künstler, ausgestellt zu werden, nicht kaufen läßt. Die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter, die das neue „Guggenheim“ in Abu Dhabi errichten, sind so schockierend schlecht, es sind schon so viele tödliche Unfälle 

auf dem Bau passiert, daß bereits über 2000 Künstler diese Initiative unterschrieben haben, in Abu Dhabi nicht ausstellen zu wollen.
Da können die Arabs Guggenheims bauen, wie sie wollen, innen mit Gold tapezieren und goldene Wasserhähne in den Bath Rooms installieren, wenn
keiner dorthin will, steht eine „Schnecke“ einsam in der Wüste.
Und es ist überdies auch fraglich, ob die Arabs eine Installation wie die von Sarah Lucas überhaupt aushalten könnten! 

Sarah Lucas :„Maradona Banana Dream Merchant” 

Eine Installation erscheint mir noch bemerkenswert. Beim Warten an der Schuola degli Schiavoni ist mir diese in einer Kirche aufgefallen. Kurator: James Putnam
Künstler: aus Rußland, „Recycle Group Conversion

Intention: die „Anbetung von Facebook“ 

Die Anbetung von „Facebook“ anstatt des Kreuzes. Das Erschreckende an dieser Installation ist ja, daß das Symbol für „Facebook“ fast wie ein christliches Kreuz ausschaut. Die christlichen Mantras beim Gebet werden durch „Apps“ ersetzt und die christliche Gemeinschaft durch den virtuellen Freundeskreis. Selten habe ich etwas so Eindringliches und in seiner Fertigung so Intensives gesehen. Diese Installation gibt einem wirklich lange zu denken! 

die Heiligen der Facebook-Generation 

Mein Fazit zur Biennale:

Was wollte uns Okwui Enwezor sagen?

Die Giardini zeigen den Zustand der Dinge.
Im Arsenale entstehen neue Ideen für die Welt.
Der Kapitalismus zerstört sämtliche gewachsene Strukturen. Wir sind zu schwach, dagegen anzukämpfen.
Wir müssen aufgerüttelt werden.
Die Künstler tun dies hier.

Die große Frage dieser Biennale scheint mir:

Welche Identität haben wir in der globalisierten Welt?

Beten wir „Facebook“ an oder besinnen wir uns auf unsere Mitmenschen gleich gegenüber? Auf unsere Relationships untereinander? Brauchen wir „Apps“ oder können wir auch reden?

Hat ein afrikanischer Künstler die gleichen Chancen auf dem internationalen Kunstmarkt wie sein westlicher Kollege oder beherrschen die Kolonialmächte immer noch die Welt?

Kann Kunst langfristig bewegen?

Wird man für kritische Kunst bestraft durch: Nichtbeachtung
Verfolgung
Nicht-kuratiert-werden

Lächerlichkeit Überheblichkeit der Käufer ?

Ist man für alle Zeiten erledigt, wenn man auf der Biennale durchfällt?

Peter Doig z.B.hätte gerne den englischen Pavillon ausgestattet, wurde aber nicht berufen. Stattdessen in einen schwer zu findenden Palazzo im Dorsoduro verbannt, wo er sich auch, ehrlich gesagt, dann nicht besonders bemüht hat. Wird das eine Auswirkung auf seinen Status in der Kunstwelt haben? Wird er vor François Pinault, der auch der Eigentümer von „Christie’s“ in London ist, auf die Knie gehen müssen, um weiterhin berücksichtigt zu werden?
Sicher wird der Kunstmarkt von Geld beherrscht, aber es gilt auch, die Lücken auszumachen und sich dort zu präsentieren. 

Eine Frage kann man nach einer Woche Venedig vielleicht klar beantworten: trotz Facebook und Apps und Smartphones wird die Welt immer menschlich, zwischenmenschlich bleiben, denn der Weg von der Pietà an der Riva degli Schiavoni zur „Scuola Dàlmata San Giorgio Trifone degli Schiavoni“ ist nur dadurch zu finden, daß man fragt, spricht, kommuniziert.

Im „Tabacchi“ kaufte ich Briefmarken, also kein großer Umsatz, und fragte nach dem Weg zu dieser komplizierten Scuola, wo der Heilige Georg die Prinzessin vor dem Drachen rettet. Die Antwort war: „Carpaccio?“ Ja, alles klar, ich wollte den „Carpaccio“ sehen! Über die Brücke und dann links... da war er schon in voller Schönheit. Eine App hätte nicht so präzise gefragt!

Übrigens, das sog. „Carpaccio-Rot“ gibt es gar nicht. Es ist eine Erfindung von Arrigo Cipriani für sein rohes Rinderfilet. Er kreierte dieses Gericht, als in Venedig eine große Carpaccio-Ausstellung stattfand, deshalb der Name. Und später hat er nach dem zarten Rosa des Malers Bellini noch seinen Apéritif aus Pfirsich-Püree und Prosecco (der so sensationell gar nicht schmeckt) „Bellini“ genannt.

Ja, Herr Enwezor, wieder die Unternehmer! Die sind so findig, daß man, wenn man zum ersten Mal in Venedig ist, ganz erstaunt schaut, daß es auch einen Maler „Bellini“ gibt, und nicht nur einen Drink! Auf jeden Fall wurden Carpaccio und Bellini auf diese Weise ein zweites Mal unsterblich. 

Und was Italien und dann Venedig betrifft?

Wenn man am ersten Tag noch ungeduldig auf den Transfer mit Alilaguna vom Flughafen Marco Polo über die Lagune wartet, während die Schiffer erstmal gemütlich eine Zigarette rauchen und den Zeitplan nicht einhalten, obwohl eine lange Schlange von Touristen mit schweren Koffern in der Warteschleife steht, und sich verzweifelt fragt, ob man rechtzeitig im Hotel würde sein können, dann ist man noch nicht in Italien angekommen.

Wenn man dann aber den Weg von Rialto in die Calle Goldoni auf Anhieb gefunden hat, durch die Drehtür in das ehrwürdige Hotel Bonvecchiati eingetreten ist, ohne Umschweife den Zimmerschlüssel von einem Portier alter Schule bekommen hat und sich in der wundervollen Bar des Hotels mit Murano- Glas-Lüstern wiederfindet, von einem Barmann in weißem Jackett mit in jahrzehntelang geschulter Aufmerksamkeit, die für jede Art von Besuchern taktvoll taugt, einen Aperol Sprizzserviert bekommt, dann ist man schon ein bißchen mehr in Italien angekommen. Und man denkt wie Mr. Silvera bei Fruttero &Lucentini: „Ah, il tempo é immateriale...“

Am zweiten Tag wird man schon ein bißchen italienischer. Man läuft langsamer, was auch der Erschöpfung der Füße durch die Biennale zuzuschreiben ist, man schlendert durch die Gassen und schaut Schaufenster, man zieht sich abends italienischer an (ein Kleid, nackte Füsse in Slingpumps, aber eine dicke Stola um das Ganze gewickelt), man trinkt einen Prosecco im Stehen an irgendeiner Bar ( der hier um ein Vielfaches besser schmeckt als zuhause) , bevor man in ein Restaurant eintritt, man trägt seine „Raubzüge“ in kleinen, edlen Päckchen vor sich her wie „Pretty Woman“.

Danach wird alles allmählich anders, man zerfließt sozusagen, wird nachsichtiger, träumerischer, schöner, mutiger. In einer dunklen Osteria ein paar Cicchetti zu bestellen, weil die von außen so lecker aussehen, kostet keine Überwindung mehr. Dazu ein Glas Prosecco schon am Mittag...warum nicht? Das Schöne an Venedig ist ja: man kann so viel Alkohol trinken, wie man will, man muß ja nicht mehr fahren! Und im Stehen an einer Bar ist der gar nicht so teuer: ein Glas Cynar con ghiacciokostet nur 3,--€! Venedig wird erst teuer, wenn man sich irgendwo setzen will, dann hagelt es Touristenpreise!

Man macht sich gar keine Sorgen mehr, wie man morgens um 4 Uhr zum Flughafen kommen wird, denn die Vaporetti fahren erst um 5. Der Portier alter Schule regelt das...und tatsächlich wartet am Tag der Abreise pünktlich um 4 Uhr das Wassertaxi auf mich an der rückwärtigen Anlegestelle des Hotels direkt am Kanal. Und der junge Steuermann bedankt sich noch tausendmal für 10,-- Trinkgeld, obwohl er doch längst vom Tourismus verdorben sein müßte, wie man immer annimmt.
Es ist einfach unfaßbar schön, gelassener geworden zu sein! Grazie, Venezia! 

Bootsanlegestelle des Hotel Bonvecchiati, direkt am Kanal 

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