Einmal im Jahr nach Italien...

Einmal im Jahr nach Italien...

Ach Gott, einmal im Jahr rausfahren in die Sonne, an den Strand, ans Meer, braun werden, sich jung fühlen, gutes Essen kriegen, all die schönen Klamotten tragen, für die man zuhause keine Gelegenheit hat und jeden Abend ein Gläschen „Pignoletto“ (den Vino frizzante der Emilia Romagna) trinken –
das geht nur in Italien so schön! 

„Guarda“...sieht der dort am Nebentisch, der alle Probleme der Welt mit seiner Frau diskutiert, nicht aus wie Matteo Renzi? Und da hinten, der mit der Hakennase, der so nett mit dem behinderten Kind am Nachbartisch redet, ist das nicht die Wiedergeburt des Herzogs von Urbino? Und der Oberkellner, der Ciro, wieso versteht der einfach mein Italienisch nicht? – „Va bene?“ – „Si, tutto bene!“ Eine deutsche Dame soll einmal auf die Frage „Va bene“ mit „Si, andiamo!“ geantwortet haben. Da hat sie der Kellner geschnappt und ist mit ihr auf Nimmerwiedersehen ab in den Appenin - der Ehemann blieb zurück, „totalmente cotto“! Und ein anderer soll mal beim Abendmahl in der Kirche in Riccione andächtig die Hostie entgegengenommen, dann innegehalten, den Priester angeschaut und mit einem Griff zum Weinkelch gesagt haben: „Eure Piadina, die ist aber verdammt trocken!“ woraufhin er einen tiefen Zug Meßwein nahm und diesen hinunterstürzte, den Priester entsetzt zurücklassend. 

Man lernt so wunderschöne Sachen in Italien, wie daß das Email-Zeichen @ auf italienisch „chiocciolina“ – „Schneckchen“ heißt, daß der „GALATEO“, das Benimmbuch in Italien, erlaubt, daß man das Perlhuhn, die „faraona all`‘arrancia“, durchaus in die Hand nehmen dürfe, denn mit Messer und Gabel wäre diesem in unerklärbar merkwürdiger Weise zerteiltem Korpus gar nicht beizukommen gewesen (hier ein Stück Kragen, da ein Flügelchen, der Rest irgendwie „kaputte Drohne“) , daß der lauwarme Blattspinat mit Olivenöl und Balsamico auf dem Salatbüffet köstlich schmeckt und daß man bestellen muß, wenn der Junge mit den abgrundtief türkisen Augen an der Bar zu einem sagt: „Dica, signora?“ 

Irgendwie geht ja auch alles immer um die Pasta. Als ich zum Friseur ging und mir die Haare schneiden lassen wollte (tagliare i capelli), dachte ich gleich an Tagliatelle und die dünnen Capellini-Nudeln. Und wissen Sie, warum man sich in Italien beim Spaghetti-mit-Tomatensauce-Essen nicht das Hemd versaut? Weil die gerade so viel Sauce mit den Spaghetti vermischen, daß nichts tropft! Und der Parmesan obendrauf macht dann noch schön trocken! Machen Sie aber nie den Fehler, so wie ich, und bestellen Sie Parmesan zu Pasta mit Meeresfrüchten! Da gefriert dem Ciro das Blut in den Adern! 

Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino (1415 – 1492), kriegerischer Haudegen, gewiefter Politiker und weltoffener Humanist in Personalunion, Erbauer der „idealen Stadt“, der Renaissance-Stadt Urbino, die noch fast in ihrem Originalzustand und in ihren Originalstadtgrenzen erhalten ist. 

Sein Lieblingsgericht: „Bucatini con pendolini, acciughe, olive nere e pane grattuciato“ = dickere Spaghetti mit kleinen Tomaten, Sardellen, schwarzen Oliven und Bröseln. Der Clou dabei sind die Brösel obendrauf: unbedingt nachkochen!!! 

Tutto bene? 

Urbino, Renaissance-Stadt zwischen zwei Hügel gebaut – die Verbindung der nach allen Richtungen nach oben strebenden Stadt ist die Piazza della Repubblica. 

Grabplatte der Eltern von Raffael, geboren 1491 in Urbino als Raffael Sanzio, aber schon als Waisenjunge nach dem Tod der Eltern weggegangen in die Lehre nach Perugia und später in Rom und Florenz weltberühmt geworden. 

Gottes Wort wird überall gehört. 

Fresko im Palazzo Ducale.

Das„Oratorio San Giovanni“, ausgemalt von den Gebrüdern Salimbeni 1416. Raffael soll hier getauft worden sein. 

Die „ideale Stadt“:

Die Architektur der „idealen Stadt“ erzählt interessante Details: die Seitenstraßen sind schmal und nur für Personen-, Maultier- und Pferdeverkehr gedacht. Größere Transporte, wie z.B. Ochsengespanne, konnten auf dem Hauptplatz wenden. Eine Kanalisation wurde wahrscheinlich nicht geplant. Es gibt in den Straßen keine Schaufenster, alle Fenster sind in einer Höhe über 2 m gebaut, denn das Erdgeschoß diente nur als Lager, als Handelsplatz und zu Empfangszwecken (s.a. „Fondaco dei Tedeschi“ in Venedig). Außerdem war es sicherer gegen Einbrecher! Die Küche lag immer im Obergeschoß wegen der Brandgefahr. Im übrigen waren sowieso mehr als 95% der Gebäude eingeschossig, nur in den Städten und an Adelsssitzen gab es höhere Bauten. Beleuchtet wurde mit Kerzen und im Freien und in den Durchgängen mit Fackeln, eine andere Lichtquelle gab es bis zur Erdfindung der Petroleumlampe gar nicht! 

Palazzo Ducale des „Federicus Urbini Dux Montisfeltri“ 

Wie reich ist Italien doch an Kunstschätzen, die so unkompliziert zugänglich sind, daß es einen ganz verzaubert.
In der „Nationalgalerie der Marken“ im Palazzo Ducale in Urbino kann man von ganz nahe Piero della Francescas Bild der „Geißelung Christi“ (1459) betrachten, die darin sich spiegelnde Freude an der Entdeckung der Perspektive, die ungenierte Verewigung der Mäzene im Vordergrund und die Sanftheit der Idealisierung Christi.
Als Kontrast hierzu wird man, vor allem als Deutscher, eingebunden in die eigene Vergangenheit, sich mit Grausen abwenden von Paolo Uccellos düsterer Bilderzählung von der „Entweihten Hostie und der Verbrennung der Judenfamilie“, wo das Mittelalter sich in seiner ganzen Härte zeigt. Die gesamte Familie mit den Kindern im Feuer an einen Pfahl gebunden als „Predella“, d.h. als Gemälde unter einem Altarbild von Justus van Gent! Dieses Bild und die Ausweglosigkeit eines solchen Schicksals verfolgt einen noch lange!
Hiervon erholt man sich dann glücklicherweise beim Betrachten der Fresken im gesamten Palazzo, den reinen und unschuldigen Marien-Darstellungen mit dem manchmal durchaus quicklebendigen Jesuskind. Dieses Frauenideal rührt einen an, diese Einfachheit im Schönen, die Verklärung im Antlitz, aber mit einer Verzaubertheit, die es nur im In-Sich-Ruhen vergangener Zeiten gegeben haben kann. 

Kunst ist ja heute ein weiter Begriff, aber in Italien rührt diese frühe Kunst ans Herz, die handwerklichen Fähigkeiten, aus denen sie entstand, macht melancholisch und dankbar und verlangt höchste Bewunderung. 

Denn „die Rechtsanwälte und Zahnärzte, die Chefärzte der Krankenhäuser und die Diplomkaufleute in den Aufsichtsräten, sie alle waren zur sog. „modernen Kunst“ übergegangen, d.h. zur internationalen Blech- und Kanisterkunst. Sie stellten oder legten sich – und zahlten Millionen Lire dafür – Zementrohre und Benzinkanister, kaputte Stühle und rostige Leitungshähne, Reisigbesen, Staubtücher und gelblackierte Schnuller ins Haus. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre...“ 

(aus Fruttero & Lucentini: „Die Sonntagsfrau“)
Die italienische Renaissance ist zum Weinen, vor Rührung und Bewunderung. Urbino, Juni 2016 

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